Wettmanipulation der dreisten Art

Illegale Wettgewinne dank Corona?
Von Benjamin Best

In der Ukraine und Russland stehen 17 Fußballspiele unter Manipulationsverdacht. Das bestätigt der Ethikchef des ukrainischen Fußballverbandes Francesco Baranca der Sportschau.

Gab es in der Ukraine fingierte Fußballspiele - millionenschweren Wettbetrug im Zusammenhang mit der Coronakrise? Ein Tatort: der Fußballplatz des ukrainischen Viertligisten FC Berdjansk. Gewettet wurde auf Spiele, die es offenbar hier nie gab. "Es war eine große Möglichkeit für Wettbetrüger. Aufgrund der Coronakrise wurden diese unterklassigen Spiele überhaupt erst auf dem Wettmarkt angeboten"‚ erklärt der Wettanalyst Ivo Romano.

Ukraines Verband: "Die Spiele gab es nicht"

Der Betrug war offensichtlich vorbereitet: Ende März erscheint auf einer gefälschten Facebook-Seite des FC Berdjansk die Ankündigung eines Turniers mit vier Mannschaften. Wenige Tage nach der Ankündigung werden dort fingierte Spielberichte veröffentlicht.

Schriftzug "Sportwetten Annahme"Wettmanipulation in der Corona-Krise Sportschau 25.04.2020 04:58 Min. Verfügbar bis 25.04.2021 Das Erste

"Das waren die einzigen Spiele, die auf dem Wettmarkt angeboten wurden. Aufgrund der Pandemie gab es zum Beispiel keine Premier League, keine Bundesliga, keine Champions League"‚ sagt Fransesco Baranca, der Ethikchef des ukrainischen Fußballverbandes. "Wir wurden von diversen Wettanbietern kontaktiert: aus Norwegen, Dänemark, Schweden, Australien, USA, Asien - überall wurden auf diese ukrainischen Spiele gewettet und so kamen hohe Millionensummen zusammen. Doch zu 99,9 Prozent gab es diese Spiele in der Ukraine überhaupt nicht."
Nicht gespielt? Wurden Zocker betrogen, die auch zu Corona-Zeiten unbedingt wetten wollten? Ahnungslose deutsche Kunden platzierten bei verschiedenen Online-Anbietern Wetten auf diese Spiele. Wie ist das möglich? Passt da niemand auf? "Die Datenfirma BetGenius stellte Wettanbieter Daten zu diesem Spiel zur Verfügung. Komischerweise behaupteten sie, einen Mitarbeiter vor Ort gehabt zu haben. Dieser könne beweisen, dass diese Spiele stattgefunden hätten"‚ sagt Wettanalyst Romano.

War ein Daten-Scout involviert?

BetGenius sollte also aufpassen - die Firma ist Teil der Genius Sports Group. Die Genius Sports Group ist pikanterweise Partner des Deutschen Fußball-Bundes und soll den Wettmarkt kontrollieren. Die Firma sagt, sie habe für das Spiel Beweise: ein Mitarbeiter, ein sogenannter Datenscout, sei vor Ort gewesen. Merkwürdig: Genius Sports beantwortet der ARD keine Fragen und hält sich gegenüber dem ukrainischen Verband bedeckt.

"Sie sagen, dass sie Beweise für die Spiele hätten. Aber uns wurden diese nicht übergeben. Stattdessen hat unsere Untersuchung ergeben, dass die Mannschaften nicht gespielt haben. Alle vier Teams haben uns dies schriftlich bestätigt"‚ erklärt Francesco Baranca.

Die Daten-Scouts sind wichtig im Milliardengeschäft Sportwetten. Sie übermitteln live unter anderem Tore, Rote Karten, Ergebnisse. Alles Informationen, die Einfluss auf die Wettquoten haben. Dort wo es keine TV-Bilder gibt, sollen sie kontrollieren, ob auch wirklich gekickt wird. Hat im Fall Berdjansk ein Daten-Scout falsch gespielt? Laut Baranca gebe es für Fußballverbände weder die Möglichkeiten die Scouts noch die Datenfirmen zu überprüfen.

Vor allem ein Spielverlauf löste den Alarm aus. Endstand 1:5. Alle Tore fallen in der zweiten Spielhälfte - wie bestellt? "Irgendjemand wusste, wie das Spiel ablaufen wird"‚ erklärt Ivo Romano. "Vor allem wurde auf die Gesamtanzahl der Tore gewettet und welches Team das nächste Tor erzielen wird. Meiner Meinung nach wurde ganz klar manipuliert. Die auffälligen Wetten wurden während der kompletten zweiten Spielhälfte platziert." Romano verständigt den europäischen Fußballverband UEFA und den ukrainischen Fußballverband.

Auch Spiele in Russland unter Manipulationsverdacht

Offenbar sind die Spiele in der Ukraine kein Einzelfall - auch in Russland wurden laut Baranca unterklassige Spiele in derselben Art und Weise verschoben. "Es handelt sich insgesamt um 17 verdächtige Partien in der Ukraine und in Russland. Jemand wusste immer wann die Tore fallen werden. Soweit ich weiß untersucht die UEFA auch Spiele in Russland", sagt Francesco Baranca.

Vor allem auf dem asiatischen Wettmarkt wurden hohe Wetten platziert. Wer hat da abkassiert? Die Behörden in der Ukraine ermitteln. Ersten Spuren deuten auf die ukrainische Mafia hin.

ARD-Sportschau
Von Benjamin Best
Stand: 25.04.2020, 08:28